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Gut gefragt ist halb gewonnen

Gut gefragt ist halb gewonnen ...

Das neu entwickelte Aufnahmeverfahren der Paracelsus Universität für das Humanmedizin-Studium ist ein gemeinsames Forschungsprojekt mit Psychologen der Universität Salzburg. Wissen, Fähigkeiten und Persönlichkeit sind gefragt – eine Herausforderung für Universität und Bewerber.

Insgesamt rund 1000 Kandidatinnen und Kanditaten haben sich 2018 für das Studium der Humanmedizin an den beiden Standorten Salzburg und Nürnbergder Paracelsus Universität beworben. Sie müssen das schriftliche Aufnahmeverfahren absolvieren, bevor die besten 375 von ihnen (225 in Salzburg und 150 in Nürnberg) anhand der erzielten Testergebnisse zum Interview eingeladen werden.



"Der Zeitdruck war schon sehr stressig“ erinnert sich Maurizio Luger, Student der Humanmedizin im vierten Studienjahr an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg, an sein Aufnahmeverfahren von 2014. "Zeitweise war ich so nervös, dass ich sogar bei leichteren Fragen zuerst das Gefühl hatte, sie nicht beantworten zu können." Das Interview hingegen empfand er als "angenehm"; vor allem über seine Motivation, Arzt zu werden, sprach er gerne. Gefragt, was er heute einem Bewerber oder einer Bewerberin empfehlen würde, sagt er: "In jedem Fall Ruhe bewahren!" Er glaubt, dass dies auch ein Kriterium bei der Beurteilung sei, denn "als Nervenbündel später das Skalpell bei einer OP fallen zu lassen, kommt ja nicht so gut".

Die dritte Dimension. Damit liegt cand. med. Luger gar nicht so falsch: Auch beim neuen Aufnahmetest sollen Kandidatinnen und Kandidaten unter anderem live am Computer zeigen, ob und wie sie mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen. "Der Multitasking-Test ist wirklich heftig, aber die jungen Leute sind ja mit all den digitalen Möglichkeiten aufgewachsen, das bewältigen sie viel besser als wir", sagt Studiengangsleiterin Doris Carstensen (linkes Bild). "Der Einsatz von Computern ermöglicht Simulationen – eine dritte Dimension also, es gibt nicht nur Tisch und Papier. Wir haben uns alle Testaufgaben auch selbst gestellt, beispielsweise auch solche zum räumlichen Vorstellungsvermögen, das ja für Ärzte und Ärztinnen sehr wichtig ist."

Wissen und Persönlichkeit. Beim gemeinsamen Forschungsprojekt mit der Universität Salzburg war es für Psychologin Tuulia Ortner (rechtes Bild) und ihr Team besonders spannend, den schriftlichen Aufnahmetest als computerisiertes Verfahren mit Simulationen neu entwickeln zu können. Herauszufinden, wie es um das Wissen und die Fähigkeiten der jungen Bewerber und Bewerberinnen steht, ist eine Sache – eine andere ist es, soziale Kompetenz zu erkunden. Es wird ja immer wieder bezweifelt, ob das überhaupt gelingen kann. "Persönlichkeit zu erfassen, ist in der psychologischen Diagnostik grundsätzlich eine große Herausforderung", bestätigt Tuulia Ortner und stimmt zu, dass die Erfassung sozialer Intelligenz zu den schwierigeren Aufgaben in einem standardisierten Test gehört "Wir haben in unsere Computersimulationen zwar auch Persönlichkeitsaspekte mit eingebaut, müssen aber dabei stets berücksichtigen, dass es sich um junge Menschen handelt, deren Entwicklung ja noch nicht abgeschlossen ist."

Psychologische Standards. Das ist auch für den Anatomen Felix Eckstein (linkes Bild) ein wesentliches Argument, wenn es um die Treffsicherheit bei Aufnahmetests geht. Der Institutsvorstand, verantwortlich für den Fachbereich Humanmedizin an der Paracelsus Universität, hat das Aufnahmeverfahren "als fortlaufenden Prozess" seit jeher aktiv begleitet: "Wir bilden Studierende aus, die zu hervorragenden Ärztinnen und Ärzten werden sollen, das muss das Ziel jeder medizinischen Universität sein. Es sind aber junge Menschen, deren Reife noch nicht abgeschlossen ist. Wir versuchen, das Ziel durch ein bestmögliches Aufnahmeverfahren zu erreichen, unterstützt durch die Erfahrung eines psychologischen Teams." Das Anforderungsprofil, das nach aktuellen psychologischen Standards vom Team Ortner für die Bedingungen an der Paracelsus Universität entwickelt wurde, bildet die Grundlage für den schriftlichen Test. Dafür wurden Studierende, Lehrende und Experten an den beiden Uni-Standorten Salzburg und Nürnberg befragt, um unterschiedliche Perspektiven abzubilden und herauszufinden, welche Hürden im Studium bewältigt werden müssen. "Das Studium an der Paracelsus Universität stellt spezifische Anforderungen: Es muss in fünf Jahren absolviert werden – das erfordert unter anderem einen sehr dichten Zeitplan. Auch gutes Englisch ist Voraussetzung, weil das amerikanische Staatsexamen absolviert werden muss", erklärt Eckstein.

Interview vor Dreier-Team. Die Besten des schriftlichen Tests werden – unter Berücksichtigung der Schulnoten – zur zweiten großen Aufgabe, dem Interview, eingeladen. Die Noten werden mit 20 Prozent gewichtet, ergänzen "kurzfristige" Bewertungssysteme und liefern einen Nachweis für langfristigen Lernerfolg. Wer es also bis zum Interview geschafft hat, sitzt nun einem medizinischen Psychologen, einem Arzt oder einer Ärztin aus dem Uniklinikum und einer Person gegenüber, die ihr persönliches Berufsbild mit einbringt. "Das Gespräch dauert circa 45 Minuten, es ist genau strukturiert, aber natürlich können sich auch individuelle Fragen ergeben", erklärt Studiengangsleiterin Doris Carstensen. Nach dem Interview beraten sich die Interviewer beim "intersubjektiven Austausch", danach folgt die Bewertung.

Bewerberanforderungen. Auf die erste Stufe des Aufnahmeverfahrens wurde jetzt nicht näher eingegangen, auf den "Prolog" sozusagen: Das Bewerbungsschreiben als Voraussetzung, überhaupt antreten zu können. Doris Carstensen: "Das Bewerberprofil signalisiert, welche Menschen wir ansprechen wollen, unsere Wunschkandidaten sozusagen. Solche, die gern über den eigenen Tellerrand hinausschauen, soziales Engagement und Integrität zeigen und mit Belastung und Stress umgehen können. Wir wünschen uns eine eigenständige Persönlichkeit, die sich im Studium an der Paracelsus Universität weiterentwickeln kann."

Autorin: Ilse Spadlinek * Fotos: Paracelsus Uni
Erstveröffentlichung in Paracelsus Today 1/2018