Expertentreffen der WHO in Genf: Patientensicherheit auf dem Prüfstand

28.02.2012

Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Salzburg, nahm vom 27. bis 28.2.2012 als geladener Experte an einem internationalen Expertentreffen der WHO in Genf zum Thema Patientensicherheit teil. 30 Wissenschafter aus 24 Ländern und allen Kontinenten trugen zum einen die vorhandenen Informationen und Daten zu Häufigkeit und Art von Fehlern in der Medizin zusammen, und thematisierten zum anderen Strategien zur Fehlervermeidung und zur Verbesserung der Patientensicherheit.


Bild: 30 Wissenschafter aus 24 Ländern nahmen an der WHO-Tagung zum Thema Patientensicherheit teil.


Der Schwerpunkt der Tagung lag auf dem bisher wenig bearbeiteten Thema Sicherheit in der Primärversorgung. In einer systematischen Literaturrecherche konnten weltweit nur ca. 170 Studien zur Prävalenz von Behandlungsfehlern in der Primärversorgung ermittelt werden. Nach diesen Untersuchungen lässt sich schätzen, dass bei mindestens 2 Prozent aller ärztlichen Konsultationen im ambulanten Bereich Fehler passieren, von denen etwa jeder Zehnte mehr oder weniger gravierende Auswirkungen für den betroffenen Patienten hat. Am häufigsten und am besten untersucht sind Medikationsfehler. So könnten – je nach Studie - bis zu 10 Prozent aller internistischen Spitalsaufnahmen auf falsche, falsch dosierte oder falsch kombinierte Arzneimittel zurückzuführen sein, die von einem Primärversorger verordnet wurden. Sehr oft verordnen die Hausärzte allerdings nur die Medikamente weiter, die von Spezialisten oder im Krankenhaus angesetzt wurden.

Während die Prozentzahl zunächst nicht hoch erscheint, ist aufgrund der großen Anzahl von Arzt-Patientenkontakten in der Allgemeinmedizin doch eine sehr hohe Fehlerfrequenz anzunehmen. So würden für Österreich 2 Prozent der ca. 50 Millionen ambulanten Kontakte mit der exorbitant hohen Zahl von 1 Million Behandlungsfehlern pro Jahr einhergehen, 100.000 davon mit schädlichen Folgen für den Patienten. Allerdings gibt es hierzu gerade aus Österreich bisher keine zuverlässigen Untersuchungen. Nach den Recherchen des WHO-Gremiums sind von den Behandlungsfehlern vor allem ältere Menschen mit multiplen chronischen Erkrankungen und Polypharmazie betroffen.

Eine der wichtigsten Ursachen von Fehlern ist ein Mangel an Kommunikation – sowohl zwischen Arzt und Patient als auch zwischen Ärzten untereinander. Besonders die Schnittstelle zwischen Spitalsbehandlung und Primärversorgungsebene ist eine bedeutsame Fehlerquelle. Neben den Medikationsfehlern spielen auch diagnostische Fehler – allen voran verpasste oder zu spät gestellte Diagnosen – eine wichtige Rolle. Hierfür dürfte nach dem Consensus der WHO-Expertengruppe auch maßgeblich die unzureichende Ausbildung von Allgemeinärzten verantwortlich sein. Gerade in Österreich gibt es nach wie vor keine curriculare Ausbildung in Allgemeinmedizin, obwohl sich alle einig sind, dass der bisherige Turnus für die Vorbereitung auf eine allgemeinärztliche Tätigkeit unzureichend ist.


Bild: Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen: "Patientensicherheit in der Primärversorgung muss verstärkt thematisiert und verbessert werden."


Das Expertengremium der WHO konstatierte für die meisten Länder und so auch für Österreich einen erheblichen Forschungs- und Handlungsbedarf, sowohl die Epidemiologie als die Interventionen zur Verbesserung der Situation betreffend. International und hierzulande zeigen die staatlichen Stellen trotz der immensen Wichtigkeit des Themas bisher wenig Bereitschaft, Gelder für entsprechende Studien und Maßnahmen bereitzustellen. Dabei ist durch Fehlervermeidung und der damit verbundenen Vermeidung unnötiger Spitalsbehandlungen eine erhebliche Kosteneinsparung für das ökonomisch so belastete Gesundheitssystem zu erreichen.

Das WHO-Gremium arbeitet daran, Werkzeuge und Strategien zur Verbesserung der Patientensicherheit zu erstellen, die dann in entsprechenden Studien in den verschiedenen Gesundheitssystemen getestet werden müssen. Einstimmig sprach sich das WHO-Expertengremium dafür aus, das Thema Patientensicherheit in der Primärversorgung verstärkt anzugehen und die Durchführung präventiver Maßnahmen zu propagieren.

Erste Schritte könnten für Österreich aus den beiden europäischen Projekten „LINNEAUS“ (Learning from International Networks about Errors and Understanding Safety in Primary Care) und „Joint Action Patient Safety and Quality“ (JA-PaSQ) erwachsen. „LINNEAUS“ ist ein multinationales Netzwerk, das seit 2009 läuft und sich speziell der Erforschung von Fehlerquellen und Möglichkeiten der Fehlervermeidung widmet (http://www.linneaus-pc.eu). „JA-PaSQ“ ist eine konzertierte Aktion aller Länder der Europäischen Union zur Verbesserung der Patientensicherheit auf allen Versorgungsebenen, die im Mai 2012 starten wird. In beide Projekte ist das Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Universität substanziell involviert, wobei auch eine enge Zusammenarbeit mit der österreichischen Plattform Patientensicherheit (http://www.plattformpatientensicherheit.at/) besteht.

Das nächste Treffen der WHO-Experten wird voraussichtlich im Rahmen einer LINNEAUS-Konferenz im September 2012 in Frankfurt stattfinden.