Jour Fixe Allgemeinmedizin: Physiotherapie zwischen Nutzen und Begehrlichkeit

01.12.2011

Das Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Universität veranstaltete Ende November gemeinsam mit der Turnus-ärztevertretung der SALK und der Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SAGAM) einen Jour Fixe zum Thema „Zwischen Nutzen und Begehrlichkeit – Sinnvoller Einsatz von Physiotherapie im nieder-gelassenen Bereich“.  Die Thematik stieß auf reges Interesse und lockte zahlreiche Besucher – vorwiegend Ärzte, aber auch einige Vertreter der Salzburger Gebietskrankenkasse –  in das Wyss-Haus der Universität.

Thomas Bamberger, freiberuflicher Physiotherapeut und Funktionär des Verbandes Physio Austria, gab zu Beginn der Veranstaltung einen Überblick über das Berufsfeld der Physiotherapeuten. Er informierte darüber hinaus über ein Pilotprojekt namens „APA“ (Arzt-Physiotherapeuten-Austausch), das an 30 Standorten in Vorarlberg getestet wird und den Befund-austausch zwischen den beiden Berufsgruppen fördern und etablieren soll. Bamberger ortete generell ein steigendes Interesse am  Infotransfer über Patienten bei den betroffenen Berufsgruppen.

Der Physiotherapeut plädierte für eine Vereinfachung des Verordnungs-systems und gab einen Überblick über Länder, in denen Patienten direkt und ohne Verordnung in den Genuss von physiotherapeutischen Leistungen kommen könnten, was den organisatorischen und finanziellen Aufwand verringere. „Die Patienten sind unser gemeinsamer Nenner“, richtete er seine Worte an die anwesende Ärzteschaft und plädierte für „Austausch und Offenheit für neue Wege, um die Patientenversorgung und die Qualität der eigenen Arbeit zu verbessern“.


Bild: Thomas Bamberger von Physio Austria plädierte für mehr Austausch zwischen Ärzten und Physiotherapeuten.

Der zweite Referent Dr. Peter Gräff, niedergelassener Allgemeinmediziner und Manualtherapeut, erzählte aus der Praxis, wann er Patienten  mit reversiblen Funktionsstörungen am Bewegungsapparat mittels manueller Medizin behandle und in welchen Fällen er diese direkt an einen Facharzt, Orthopäden, Neurologen oder Neurochirurgen  überweise. Rückmeldungen der Physiotherapeuten seiner Klientel erhalte er in der Praxis fast nie, kritisierte Gräff. Umgekehrt gebe er den Patientenbefund immer an die behandelnden Physiotherapeuten mit.

Ein weiterer Kritikpunkt seinerseits sei das Fehlen eines Heim-übungsprogrammes: Die Kollegen aus dem physiotherapeutischen Bereich müssten begleitend zur Therapie auch alters- und leistungsgerechte Programme für Eigenübungen ausarbeiten und verordnen. Nur die Kombination aus physiotherapeutischer Behandlung und Heimübungen sei sinnvoll und wirksam.  Dass sich die Physiotherapie im Spannungsfeld zwischen Begehrlichkeit des Patienten und Nutzen für den Patienten bewege, werde ihm in der Praxis immer wieder bewusst. Da gelte es abzuwägen, ob Schmerzen die Verordnung einer Physiotherapie notwendig machten oder ob der „Wellness-Gedanke“ im Vordergrund stehe.


Bild: Allgemeinmediziner und Manualtherapeut Dr. Peter Gräff kennt das Spannungsfeld der Physiotherapie zwischen Nutzen und Begehrlichkeit aus der eigenen Praxis.

In der anschließenden Diskussion kam aus den Reihen der Gebiets-krankenkasse  die Forderung an die Ärzte, den Begehrlichkeiten der Patienten entgegenzutreten, um die Mittel für wirklich notwendige Physiotherapien einsetzen zu können. Die Kommunikation zwischen den Verordnern und den Therapeuten sei nicht gut und das eingangs erwähnte Vorarlberger Modell deshalb ein positives Zeichen. „Das ist auch im Interesse der Physiotherapeuten“, entgegnete Thomas Bamberger, „weil damit der Kritik vonseiten der Krankenkassen entgegengewirkt wird.“

Dr. Adalbert Selhofer von der Universitätsklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation merkte an, dass der Physiotherapeut eine wichtige Rolle bei chronisch Kranken spiele. Allerdings sei das Tun des Patienten das Entscheidende: „Im chronischen Fall kann sich nur der Patient selbst helfen.“ Übungen gehörten verordnet und vom Physiotherapeuten auch überprüft. Der Facharzt für Physikalische Medizin sei der „Missing Link“ zwischen verordnendem Arzt und dem Physiotherapeuten, weil funktionelle Untersuchungen – eine Funktionsdiagnostik – praktisch nicht stattfänden. „Zudem überfordern die Befunde die Physiotherapeuten, weil sie sie nicht verstehen“, sagte Selhofer.

Auch Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin an der Paracelsus Universität, forderte von den Physiotherapeuten eine „Anleitung zur Selbstübung“, sonst habe die Physiotherapie keinen Effekt. „Ob reine Schmerztherapie oder Physiotherapie: Der Unterschied ist null ohne Selbstübung“, sagte der Mediziner. In die gleiche Kerbe schlug Dr. Norbert Muss, Chefarzt der Salzburger Gebietskrankenkasse: „Superviditiertes Heimtraining ist wichtig. Nur der Effekt durch permanentes Training und die Kontrolle durch den Physiotherapeuten schafft Abhilfe bei Schmerzen.“

Muss´ Chefarzt-Kollege Dr. Bernhard Mühl bescheinigte der Ärzteschaft eine „Gatekeeper-Funktion“, um Begehrlichkeiten zu unterbinden und dem Patienten zu sagen, wann es genug sei. Gleichzeitig sei das sein Appell an die Ärzte. Zum Abschluss richtete Physiotherapeut Thomas Bamberger den Wunsch ans Plenum, ein gemeinsames Konzept für eine Kriterien-festsetzung zu entwickeln, wann und ob eine Physiotherapie sinnvoll sei.


Bild: Der Jour Fixe zum Thema Physiotherapie an der Paracelsus Universität stieß auf reges Interesse.