Kooperation mit Stanford: PMU-Forscher identifizieren Immunzellen als mögliche Alzheimer-Antreiber

14.01.2020

Bestimmte Immunzellen, die den Körper eigentlich schützen sollen, könnten auch eine Art Antreiber-Rolle bei Alzheimer-Erkrankungen spielen. Ein internationales Forscherteam mit Beteiligung von Wissenschaftern der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg zeigte, dass so genannte CD8 T-Zellen das Gehirn von Erkrankten offenbar beeinflussen. Die neuen Erkenntnisse könnten künftig auch in Therapie und Diagnostik münden und wurden nun im renommierten Science Journal "Nature" veröffentlicht.

Im Bild: Die PMU-Wissenschafter Michael Unger (li.) und Ludwig Aigner (re.) arbeiten mit Forschern der Standford University zusammen.

CD8 T-Zellen sind Teil des erworbenen Immunsystems, also jenes Teils der körpereigenen Abwehr, der im Laufe des Lebens durch die Auseinandersetzung mit Krankheitserregern aller Art ständig weiterentwickelt wird. Wenn dieser Zell-Subtyp aktiv wird, geben die Immunzellen Moleküle in ihre Umgebung ab, die Entzündungen anstoßen bzw. den Zelltod einleiten. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, gegen mit Viren infizierte Zellen oder Krebszellen vorzugehen.

Der Gedanke, dass das Immunsystem auch eine Rolle im Gehirn spielen kann, werde in der Wissenschaft erst seit rund zehn Jahren intensiver verfolgt. "Dass es sogar einen massiven Einfluss haben kann, wird zunehmend klarer. Man sieht, die Blut-Hirn-Schranke ist nicht immer hundertprozentig dicht. Insbesondere bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer ist sie zum Teil offen oder etwas durchlässiger. Zudem finden Blutzellen wie die CD8 T-Zellen den Weg ins Gehirn über die Gehirnflüssigkeit, den so genannten Liquor", erklärt der an der Publikation beteiligte Salzburger Neurowissenschafter Ludwig Aigner, Leiter des Instituts für Molekulare Regenerative Medizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität.

Das Team um Tony Wyss-Coray und David Gate von der Stanford University (USA), dem neben Aigner mit Michael Unger ein weiterer Forscher von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg angehörte, fand nun heraus, dass ein Untertyp dieser CD8 T-Zellen bei Patienten mit Alzheimer oder einer Vorstufe zu der Erkrankung häufiger auftritt. Die bereits länger etablierte Kooperation mit dem US-Team von Wyss-Coray fand einen neuen Aufhänger, nachdem den Salzburger Forschern diese Zellen bereits vor einiger Zeit in Mausgehirnen auffielen, während unabhängig davon die Kollegen aus den USA im Blut und in der Gehirnflüssigkeit von erkrankten Menschen fündig wurden. Der Zusammenhang fiel den Forschern dann auf einer Fachkonferenz erstmals auf. "Unsere Daten bekommen dadurch natürlich viel mehr Wert", sagt Aigner.

"Es deutet alles darauf hin, dass diese Zellen anscheinend außerhalb des Gehirns aktiviert, also scharf gemacht werden. Im Gehirn angekommen, werden sie 'entsichert' und erhalten die 'Lizenz zum Töten'", erklärt Aigner. Offenbar besonders aktiv sind sie im Hippocampus, jener Region des Gehirns, die für das Erinnern zentral ist. Eine Rolle in dem Prozess des Scharfmachens der CD8 T-Zellen dürfte auch der Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers, das Epstein-Barr-Virus, spielen. "Uns interessiert die Frage, was diese Zellen im Gehirn eigentlich tun, und ob sie die Neuropathologie tatsächlich befördern", sagt Aigner.

Erste Hinweise deuten darauf hin, dass sie die Gehirnfunktion tatsächlich beeinflussen. "Es ist anzunehmen, dass sie dort Neuronen zerstören, aber wir wissen es noch nicht", so der Wissenschafter. Ihre Anwesenheit könnte aber auch dabei helfen, Alzheimer in Kombination mit anderen Faktoren zukünftig vielleicht besser zu diagnostizieren. Stellen sich CD8 T-Zellen tatsächlich als Krankheits-Antreiber heraus, könnte der Verlauf mit ihrer Blockade im Rahmen einer Therapie beeinflusst werden.

Quelle: APA; Fotos: iStock, Paracelsus Universität

Hier geht es zur "Nature"-Publikation: https://www.nature.com/articles/s41586-019-1895-7