Vizerektor Wolfgang Söllner: Wird die digitalisierte Medizin die Ärzte ersetzen?

06.10.2020

Im Rahmen der Akademischen Feier für die neuen Ärztinnen und Ärzte am PMU-Standort Nürnberg hielt Vizerektor Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Söllner die Festrede. Darin behandelte er die Frage, ob Patienten digitale Medizin wünschen und auch annehmen werden.

Frau Schmidt war mit leichter Atemnot aufgewacht. Sie war etwas beunruhigt. Hatte doch ihr Mann, der vor neun Monaten gestorben war, auch immer wieder unter Atemnot gelitten. Sie blickte auf ihre Google-Watch und konstatierte, dass sie einen beschleunigten Puls hatte. Ihr Blutdruck war etwas niedriger als üblich. Der über Videoschaltung kontaktierte Notarzt las telemetrisch die in der Google-Watch gespeicherten EKG-Daten aus. Er beruhigte sie, wies sie aber sicherheitshalber ins Klinikum ein.

Der Eingang zur Notaufnahme sah gar nicht wie ein Krankenhaus aus, sondern eher wie die Empfangshalle eines Kurzentrums. Nachdem eine freundliche Krankenschwester, die eher wie eine Hostess wirkte, ihre elektronische Patientenkarte eingelesen hatte, schob sie Frau Schmidt in einen kleinen Untersuchungsraum, ließ sie in einem Lehnsessel Platz nehmen, legte ihren linken Arm in eine Schiene und befestigte Elektroden an ihrer Brust. Sie fragte, ob sie mit einem Arzt oder einer Ärztin sprechen wolle. Sie entschied sich für einen Arzt, hatte sie doch mit dem Hausarzt immer gute Erfahrungen gemacht.

Ein kleiner freundlich blickender Roboter rollte heran und fragte sie mit angenehmer sonorer Stimme nach ihrem Befinden und ihren Beschwerden. Er folgte ihren Bewegungen aufmerksam mit den Augen, zog die Mundwinkel zu einem Lächeln hoch, wenn es passte, und blieb sonst aufmerksam und ernst. Er stellte Fragen zu ihren jetzigen und früheren Beschwerden, zu ihrem Lebensstil und zu Erkrankungen in der Familie. Dann erklärte er ihr, dass jetzt entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden würden und verabschiedete sich. Ein leises Surren ließ sie auf ihren linken Arm blicken, an dem ultraschallgesteuert, Blut aus einer Armvene entnommen wurde. Die Krankenschwester kam wieder in den Raum und sagte Frau S., dass sie sitzenbleiben solle, der selbstfahrende Stuhl würde sie zur Röntgenabteilung fahren, wo eine Röntgenaufnahme ihres Brustkorbs und eine Ultraschalluntersuchung ihres Herzens gemacht werden würden.

Im Warteraum vor der Röntgenabteilung hielt der fahrbare Stuhl. Eine Hostess brachte ihr eine Auswahl von Fruchtgetränken. Nach der Röntgen- und Ultraschalluntersuchung (auch diese vollautomatisiert) fuhr der Stuhl sie in einen kleinen Besprechungsraum. An der Wand hing ein großer Bildschirm. Der freundliche Roboter rollte wieder heran und teilte ihr mit, dass ihr Zustand derzeit nicht bedrohlich sei. Sie habe eine beginnende Herzschwäche, die medikamentös behandelt werden sollte. Am Bildschirm konnte sie das Röntgen und die Ultraschallaufnahme sehen und der Roboter erklärte ihr, wo ihre Herzwand erweitert sei und zeigte auf einen kleinen Erguss im Spalt zwischen Lunge und Zwerchfell. Dann erklärte er ihr, welche Medikamente das digitale Expertensystem des Klinikums, das mit einem führenden Herzzentrum verbunden sei, ihr empfehlen würde, sowie deren Nebenwirkungen und wie sie die Medikamente einzunehmen hätte. Schließlich fragte er sie, ob sie noch Fragen habe.

Alle Erklärungen schienen Frau Schmidt plausibel, sie war froh, dass es nichts Schwerwiegenderes war, dass sie ins Klinikum gekommen war und alle Untersuchungen so zügig durchgeführt worden waren. Früher hätte man da oft stundenlang gewartet. Dennoch hätte sie schon noch gerne mit einem "echten" Arzt gesprochen (es war ihr fast peinlich, das auszusprechen). Der Roboter blieb freundlich und erklärte ihr, dass dies eigentlich nur für privatversicherte Patienten vorgesehen sei. Gegen einen Aufpreis könne sie dies aber selbstverständlich gerne in Anspruch nehmen (in der Armlehne ihres Sessels befand sich praktischerweise ein Slot für eine Kreditkarte). Der Arzt würde ihr dann gerne alles nochmals erklären. Ansonsten sei gerade ein ausführlicher Befund an den Hausarzt gegangen und sie könne alles Weitere mit ihm besprechen.


Das ist heute im Wesentlichen alles heute schon technisch möglich. Automatisierte Laborbefunde sind heute Standard, ebenso durch Algorithmen ausgewertete EKG und Thoraxröntgenbefunde. Digitale Expertensysteme, welche auf der Basis eingegebener Symptome und Befunde eine Diagnose erstellen und einen leitliniengestützten Therapievorschlag machen, bestehen bereits für einige Erkrankungen. Solche Diagnosesysteme (Decision Support Systems) entwickeln sich auf der Basis von weltweit vernetzten Big Data mittels neuronaler Netzwerke selbstlernend selbständig weiter. Mit Hilfe der eingegebenen Patientendaten (inkl. persönlicher Erbinformationen), Daten zu krankheitstypischen diagnostischen Mustern und zu typischen Verläufen von Krankheiten und Daten aus Behandlungsleitlinien liefern sie immer präzisere Differentialdiagnosen mit Angaben zur Wahrscheinlichkeit und dazu passende Behandlungsvorschläge. Implantierte Mikrochips können in Echtzeit biologische Daten an das Expertensystem liefern. Auch die Therapie kann mittels implantierter Medikamentenpumpen oder intrakardialer und eventuell auch intrazerebraler Elektroden automatisiert erfolgen. Humanoide Roboter wurden für verschiedene Aufgaben in der Pflege und in der Betreuung autistischer Kinder entwickelt.

Ärzte werden in Zukunft auf viele dieser Hilfsmittel nicht verzichten können und wollen. Sie können helfen, Fehler zu vermieden und seltene Krankheiten zu erkennen. Ich werde hier nicht auf technische, juristische und ethische Probleme solcher auf künstlicher Intelligenz beruhender automatisierter Expertensysteme eingehen, wie

  • Datensicherheit: Was passiert zum Beispiel, wenn persönliche Gesundheitsdaten inkl. genetisch bedingter Risikofaktoren in die Hände von Versicherungsunternehmen kommen?

  • Fehleranfälligkeit solcher Expertensysteme: insbesonders bei multiplen, komplexen Erkrankungen, bei deren Diagnose und Behandlung neben dem vernetzten Wissen die Fähigkeit zur Integration unterschiedlichster Daten und die auf Erfahrung beruhende Intuition des Arztes nach wie vor eine wichtige Rolle spielen

  • Rechtliche Probleme: wie die Frage, wer letztlich für durch künstliche Intelligenz gesteuerte Behandlungen die Verantwortung trägt

  • Ethische, ökonomische und politische Aspekte: Wem gehören diese personalisierten Daten, die das Expertensystem unablässig durch neu vernetzte Daten selbst schafft? Der Besitz dieser Daten ist ein ungeheures Kapital, mit dem sich künftig sehr viel Geld verdienen lassen wird. Nur große universitäre Klinika werden genügend wissenschaftlich valide Daten über die Verläufe von Krankheiten generieren können, die notwendig sind, um zuverlässige Expertensysteme zu schaffen, die sich aufgrund solcher Daten mittels maschinellen Lernens selbst weiterentwickeln können. Nicht zuletzt deshalb sind private Konzerne – Pharmakonzerne, Versicherungen und global operierende digitale Konzerne wie Google – daran interessiert, in den Besitz von Universitätsklinika zu kommen oder zumindest deren Informationssysteme zu kontrollieren.

Was ist möglich, was erwünscht?

Die Frage, die mich hier beschäftigt, ist, ob Patientinnen und Patienten eine solche digitale Medizin wünschen und annehmen werden. Eine im Jahr 2018 im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft1 (BVDW) durchgeführte repräsentative Umfrage bei etwas mehr als 1000 Personen ergab, dass 58 Prozent der Befragten Apps begrüßen, die Terminvereinbarungen durchführen und Untersuchungsbefunde kommunizieren. Knapp mehr als die Hälfte der Befragten waren der Meinung, dass mithilfe von Künstlicher Intelligenz Krankheiten besser diagnostiziert und Heilungschancen verbessert werden könnten. 57 Prozent der Befragten befürworteten, dass auf künstlicher Intelligenz basierende Expertensysteme als Zweitmeinung von Ärzten verpflichtend eingesetzt werden sollten. Jüngere Menschen, Männer und Akademiker äußerten diesbezüglich höhere Zustimmung.

In einer anderen, von der Managementberatungsfirma Pricewaterhouse & Coopers in Auftrag gegebene repräsentativen Umfrage in Deutschland gaben 41 Prozent der ca. 2000 Befragten an, sich vorstellen zu können, in Zukunft im Krankheitsfall einen "Robo-Doktor" anstelle eines menschlichen Doktors zu konsultieren. Auch bei dieser Frage gaben Männer und Jüngere eher positive Antworten. Nur 25 Prozent der Befragten lehnten den Einsatz von "Robo-Docs" prinzipiell ab2.

Vorteile: definitiv, aber ...

Digitale Expertensysteme bieten zweifellos Vorteile, wie stark verkürzte Wartezeiten, größere diagnostische Sicherheit, ein besseres Monitoring der Therapie und der Nachsorge und eine bessere Vernetzung der Behandelnden. Aber werden kranke Menschen ausreichend Vertrauen in solche Maschinensysteme entwickeln? In der oben erwähnten BVDW-Umfrage gaben 74 Prozent der Befragten an, dass "das Menschliche verloren geht, wenn Maschinen entscheiden". Und in einer anderen Umfrage gaben nur 27 Prozent der Befragten an, dass sie glauben, dass Ärzte künftig durch künstliche Intelligenz ersetzt werden würden.

Möglicherweise werden künftige Generationen, die von Kindheit an sehr viel vertrauter mit digitalen Systemen sein werden, weniger Ängste und größeres Vertrauen in die Zuverlässigkeit von maschinellen Lernprozessen und Expertensystemen haben. Werden diese Systeme in der Lage sein, kranke Menschen, insbesondere schwer und chronisch Kranke, ausreichend emotional zu unterstützen? Werden sie Umweltfaktoren – wie ökologische, psychische und soziale Faktoren – bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten ausreichend berücksichtigen? Ich zweifle sehr daran, auch wenn humanoide Roboter entwickelt wurden, die beim Gegenüber Emotionen erkennen und gelernt haben, darauf mimisch und verbal zu reagieren.

Analoger Patient mit Wünschen und Bedürfnissen

Aber letztlich bleiben dies alles Verhaltensschablonen, die sich an durchschnittlich adäquatem Verhalten orientieren. Roboter werden nicht auf die ganz individuelle Person des Patienten eingehen können, weder bei der Diagnose, noch bei der Behandlung und schon gar nicht in der Beziehung zum Patienten.

Die an der Medizinischen Hochschule Hannover lehrende Medizinethikerin Sabine Salloch brachte es in zwei Sätzen auf den Punkt: "Der Patient wird nicht digital, der Patient bleibt analog. Er bleibt ein Mensch mit Sorgen, mit Wünschen, mit Bedürfnissen, mit einer Krankheit und dem Bedürfnis, behandelt zu werden."3 Aber neben diesem analogen Menschen wird es in der digitalen Gesundheitswelt einen "digitalen Zwilling" geben: mit allen verfügbaren Daten zu Krankheiten, zum Erbgut, zur familiären Situation und zum Lebensstil. Die Medizin, die diesen digitalen Zwilling behandelt, wird oft als personalisierte Medizin bezeichnet – aber nur die persönliche Behandlung des analogen Menschen, verdient diese Bezeichnung wirklich.

Patienten wünschen sich in existentiellen Krisen, die durch chronische und schwere Krankheiten ausgelöst werden, im Arzt ein kompetentes analoges menschliches Gegenüber. Dazu wird es uns Ärzte weiter brauchen. Die Frage ist, ob künftig dafür die Mittel bereitgestellt werden, ob man das immense Einsparungspotenzial durch die digitalisierte Medizin dafür nutzen wird, eine humanere, patientenbezogene, wirklich personalisierte Medizin zu schaffen oder um die Dividenden von Aktionären zu erhöhen und die knappen Kassen der öffentlichen Hand zu füllen. Oder ob es eine digitale Medizin für die Masse der Bevölkerung und eine die Vorteile der Digitalisierung nutzende persönliche Medizin für die Wohlhabenden geben wird. Es ist eine Frage, die letztlich die Gesellschaft entscheiden wird. Wir Ärzte haben dabei aber eine große Verantwortung, weil die Öffentlichkeit (immer noch) auf unsere Stimme hört.

Mein Fazit: Sie werden gebraucht werden, jetzt und in der Zukunft. Sie werden bessere Hilfsmittel in die Hand bekommen, die sehr rasch entwickelt werden und sich durch Maschinenlernen weiterentwickeln. Sie werden sich ständig fortbilden müssen, um die Stärken und Schwächen dieser Expertensysteme zu verstehen und anzuwenden (wie sie genau funktionieren, werden wir ja nur sehr begrenzt verstehen können, weil es ja selbstlernende Systeme sind, die autonom auf alle eingegebenen und vernetzten Daten zurückgreifen). Und Sie werden die Folgen für die Medizin, für die Patienten und ihre Rolle als Ärztinnen und Ärzte immer wieder kritisch reflektieren müssen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen für heute noch einen erlebnisreichen Tag und für die Zukunft alles Gute. Es wird Ihnen mit Sicherheit nie langweilig werden.

Literaturnachweise:

1 Bundesverband Digitale Wirtschaft (2018): Digital Trends. Umfrage zum Thema Künstliche Intelligenz.

2 PricewaterhouseCoopers (2017): Vertrauen in den „Robo-Doktor“. Wie Künstliche Intelligenz und Robotik die Medizin verändern.

3 Salloch S (2019): "Der Patient wird nicht digital, er bleibt analog." Interview mit dem Deutschlandfunk.


Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Söllner, Vizerektor der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität am Standort Nürnberg, hielt diese Festrede im Rahmen der Graduierungsfeier für 50 Humanmedizin-Absolventen/innen am 18. September 2020.

Fotos: Klinikum Nürnberg; iStock/metamorworks