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Vom Umgang mit dem Scheitern

Vom Umgang mit dem Scheitern

Dr. Sebastian Rösch, Absolvent des Studiums der Humanmedizin an der Paracelsus Universität und Oberarzt an der Universitätsklinik für HNO in Salzburg, hielt am 27. September 2019 die Festrede anlässlich der Promotion im Hangar-7. Darin ging er nicht nur auf die erstrebten Erfolge von Medizinern/Medizinerinnen ein, sondern auch auf die notwendige Bereitschaft zum Scheitern.

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, da saß ich an Ihrer Stelle und folgte den Worten der Festrede von Frau Prof. Oesch-Hayward in der Salzburger Residenz. Einige Anwesende können sich vielleicht noch an diesen heißen Tag im Juli 2009 erinnern – so wie auch ich es immer gerne tue. Ich bin mir sicher, meine Damen und Herren, liebe Absolventinnen und Absolventen, Sie werden sich ein Leben lang an den heutigen Tag erinnern. Mir persönlich ist es eine große Ehre, Ihnen ein paar Worte mitgeben zu dürfen.

Rechtes Bild: Sebastian Rösch (li.) bei seiner eigenen Promotion im Jahr 2009.

Wir feiern heute den Erfolg von 48 Absolventinnen und Absolventen des Diplomstudiengangs Humanmedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. Das Erreichen dieses Ziels ist geprägt von großer Leistungsbereitschaft und dem Streben nach Erfolg. Das Medizinstudium und die lebenslange Weiterbildung lehren uns die aktuellsten und besten Methoden zur adäquaten Betreuung eines jeden menschlichen Individuums. Gemessen wird dies am Erfolg – sei es anhand messbarer Parameter, aber auch am persönlichen Empfinden und der Wahrnehmung des Patienten. Der Erfolg – unabhängig von der sehr persönlichen Definition desselben – prägt unser Handeln im medizinischen Alltag.

Seien Sie auch zum Scheitern bereit. Ein eher unangenehmer und nach wie vor zu wenig thematisierter Aspekt unserer Tätigkeit ist jedoch der Misserfolg bzw. das Scheitern. An Tagen wie heute mag dies zu Recht einstweilig in den Hintergrund geraten – dennoch wird es für Ihre Zukunft ein unumgänglicher und prägender Faktor sein, dem es sich stets bewusst zu sein gilt. Ein vorausschauendes Sich-Auseinandersetzen mit potenziellen Misserfolgen erlaubt uns einen konstruktiven Umgang mit einer Situation, sobald diese eingetreten ist. Ohne die Bereitschaft zu scheitern und daraus eine Lehre zu ziehen, kann aus meiner heutigen Sicht der ärztliche Alltag sehr schnell zu einer dauerhaften Belastung werden sowie zu Frustration führen.

Eine für mich sehr prägende persönliche Situation, die mir dies sehr früh verdeutlichte, war die eher sehr harmlose Situation eines misslungenen Anatomie-Testats. Mein bis zu diesem Zeitpunkt problemloser schulischer und universitärer Werdegang wurde durch diesen Misserfolg vollkommen durcheinandergebracht, und es gelang mir sehr lange nicht, damit umzugehen. Erst mit der Akzeptanz und dem Eingeständnis meiner fehlerhaften Vorbereitung, die bis dahin eigentlich immer ganz gut funktioniert hatte, gelang es mir, die Frustration zu überwinden und schließlich auch jenes Testat und weitere zu bestehen. Heute erinnere ich mich an diese Situation als eine der wohl lehrreichsten Augenblicke meines Studiums.

Kultur für den Umgang mit Fehlern schaffen. Mit dem Einstieg in den beruflichen Alltag wird die Wahrscheinlichkeit von Rückschlägen maßgeblich höher. Sind wir doch während des Studiums für unseren Lernerfolg primär eigenverantwortlich, so kommen in der Berufswelt neue, teils unkalkulierbare äußere Faktoren hinzu. Sie werden gezwungen sein, zeitliche und finanzielle Limitationen zu berücksichtigen. Sie werden Meinungen anderer – nicht selten vollkommen konträr zu ihrer persönlichen Meinung – akzeptieren müssen und dadurch von Ihrem Weg abzuweichen. Nicht selten werden Sie in Ihren Vorhaben scheitern, weil diese von ihrem beruflichen Umfeld nicht unterstützt werden. Noch viel gravierender und in ihren Konsequenzen unmittelbarer, härter und direkter sind Fehler oder ein Scheitern im Rahmen der Behandlung Ihrer Patienten.

Entscheidend ist, das oftmals Unumgängliche nicht zu ignorieren, sondern sich dessen bewusst zu werden und den Umgang mit dem Scheitern zu planen. Ein konstruktiver Umgang damit ist komplex und setzt individuelle Eigenschaften sowie gewisse Rahmenbedingungen voraus. Zunächst einmal müssen Fehler erkannt werden. Glücklicherweise münden diese nicht immer zwangsweise in offensichtliche menschliche Katastrophen. Jedoch auch glimpflich verlaufende, aber potenziell lebensbedrohliche Situationen müssen identifiziert werden. Dafür muss eine Kultur für den Umgang mit dem Scheitern geschaffen werden, die es ermöglicht, offen und frei von Urteilen Sachverhalte darzulegen, die nicht funktioniert haben.

Offen diskutieren und daraus lernen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden im Massachusetts General Hospital "Morbidity and mortality conferences" eingeführt, um Fehler im Rahmen individueller Fallberichte offen unter der Ärzteschaft zu diskutieren und – das ist der entscheidende Aspekt – daraus zu lernen. Dieser im höchsten Maße vorbildliche und vorausdenkende Ansatz hat es leider bis heute nicht flächendeckend als fest integrierter Bestandteil in den klinischen Alltag geschafft. Auch in der Wissenschaft wird ein Scheitern kaum bis gar nicht toleriert und daher auch kaum thematisiert. Trotz einzelner Ansätze, wie dem populären Journal of Unsolved Questions, bleibt die Maxime das erfolgreiche Experiment. Die daraus möglicherweise resultierende Einflussnahme auf Ergebnisse soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden, macht aber deutlich, wie entscheidend eine Veränderung des Umgangs mit dem Scheitern sein kann.

Neben dem persönlichen Umgang mit Misserfolgen und der Bereitschaft, diese zu thematisieren, gilt es zusätzlich, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. In einem Umfeld, in dem der schnellstmögliche und kostengünstigste Erfolg das Maß aller Dinge darstellt, wird es jedoch kaum Platz für einen offenen Umgang mit dem Scheitern geben. Dies, meine Damen und Herren, verhindert einen essenziellen Wissenszugewinn und kommt somit unseren Patienten nicht zu Gute. Gerade im akademisch-wissenschaftlichen Bereich stellt der offene Umgang mit Fehlschlägen eine Grundvoraussetzung für die weitere Entwicklung dar.

Konstruktiv bewerten und neue Wege einschlagen. Wolfram Henn, Professor für Humangenetik und Medizinethiker an der Universität des Saarlands, vermerkte in einem Artikel: "Jedes Scheitern ist eine neue Erfahrung. Und Erfahrungen, VOR allem anderen, machen Menschen klüger." Mit diesem Wissen um die positiven Aspekte des Scheiterns sind Sie einerseits für viele berufliche Situationen persönlich gewappnet und können andererseits zukünftig in Ihrem Umfeld dazu beitragen, ein entsprechend offenes und vertrauensvolles Klima zu schaffen. Darüber hinaus können durch die Bereitschaft, Misserfolge und Rückschläge hinzunehmen und diese anschließend konstruktiv zu bewerten, durch Sie neue Wege gegangen werden.

Ohne die Bereitschaft zum Misserfolg, wie sie sicherlich auch bei den Gründungsvätern dieser Universität – Julian Frick und Herbert Resch – bestanden hatte, wäre womöglich das "Start-up" Paracelsus Medizinische Privatuniversität im Jahr 2002 gar nicht initiiert worden. Aus heutiger Sicht eine nahezu unvorstellbare Situation. Ich wünsche Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahres 2019, für Ihre berufliche, akademische, private und persönliche Zukunft ein gutes Gelingen. Möge der von Ihnen gewählte Weg Sie glücklich machen und mit Zufriedenheit erfüllen. Freuen Sie sich auf die bevorstehenden Herausforderungen des für mich nach wie vor spannendsten Berufes überhaupt.

Ich wünsche Ihnen Mut, Ihre Fehler einzugestehen, denn der ehrliche Umgang mit einem Fehler gegenüber dem Patienten führt aus meiner persönlichen Erfahrung zum besten Ergebnis für alle Betroffenen.

Text: Dr. Sebastian Rösch (Festrede bei der Promotion Humanmedizin vom 27.9.2019)

Fotos: Paracelsus Universität/wildbild